Werkimmanente Interpretation
Erzählung von Joseph Freiherrn von Eichendorff, erschien 1826.
"Du Taugenichts! Da sonst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger futtern." Sehnsucht nach der Ferne, aber auch väterlichen Unmut führt den jungen Sohn eines Müllers in die Welt hinaus, in der er sein Glück machen wollte. Er streift mit seiner Geige ziellos umher und lässt sich von Zufällen und Abenteuern bestimmen. Auf dem Weg begegnet er zwei vornehmenden Frauen, einer älteren und einer schönen jüngeren, durch sie wird er auf ein Schloss geführt. Dort wird er als Gärtnerjunge eingestellt und später sogar zum Zolleinnehmer befördert. Wegen der Aussichtslosigkeit seiner Liebe zur "jungen gnädigen Frau" setzt er seine Wanderschaft fort und kommt nach einigen Abenteuern schliesslich auf geheimnisvolle Weise nach Italien. "So zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und Dörfern vorbei gen Italien hinunter!"
Auf einmal überraschen ihn zwei Räuber als sein Weg ihn durch den Wald führt, welche dem Taugenichts befehlen sie nach B zu führen. Er hat zwar keine Ahnung wo B ist, trotzdem schreitet er den Reitern voran und lässt sich nichts anmerken. Einer der beiden "Räuber" erkennt den Taugenichts vom Schloss her, in welchem er als Gärtner gearbeitet hat. Sie erklären ihm, dass sie zwei Maler, Leonhard und Guido sind, die sich zur gleichen Zeit auf dem Schloss aufhielten. Die beiden bitten ihn als Diener sie nach Italien zu begleiten. Er ist einverstanden und es geht endlich weiter Richtung B und von dort hoch zu Wagen Richtung Italien. Die Maler fahren ununterbrochen weiter, um so schnell wie möglich in Italien anzukommen. Eines Abends kehren die zwei Herren und der Taugenichts in ein Wirtshaus ein, wo sie übernachten, weil die Ersatzpferde noch nicht bereit sind. Die Maler ziehen sich in ein Zimmer zurück. Der Taugenichts aber setzt sich in die Gaststube um etwas zu essen und zu trinken. Da fällt ihm ein buckliges Männlein auf, das ihn wirres Zeug ausfragt. Deshalb setzt er sich auf eine Bank im Vorhof und schläft ein. Nach ein paar Stunden wird er vom Posthorn geweckt. Die beiden Herren kommen jedoch nicht aus ihren Betten, denkt sich der Taugenichts und will sie holen. Als er die Zimmertür aufstösst findet er jedoch keinen Maler Leonhard und keinen Maler Guido vor. Auf dem Tisch sieht er auf einmal einen Geldbeutel mit einem Zettel auf dem steht: "Für den Herrn Einnehmer!". Der Taugenichts entschliesst sich nun die Reise alleine fortzusetzen, und das im Eileszug über Berg und Tal, Tag und Nacht immerfort. Dem Taugenichts geht das ewige Gehetze des Postillon auf die Nerven und es kommt ihm langsam komisch vor. Er überlegt sich einmal sogar, ob er jetzt einfach aus dem Wagen springen und zu Fuss weiter gehen soll? Tut es aber nicht! Auf einmal merkt er, dass der Postillon gar keine Uniform an hat und gar kein Postillon ist! Plötzlich kommt ein Reiter aus dem Gebüsch hervor, reitet dicht vor den Pferden quer über den Weg und verschwindet sofort wieder im Gebüsch. Er ist ganz verwirrt, denn es ist derselbe bucklige Mann, der in dem Wirtshaus mit der Adlernase ihn ausfragte. Bald näherten sie Lichtern und sie kommen an armseligen Hütten vorbei. Die Kutsche aber fährt weiter auf einem Steinweg einem hohen Berg hinauf, wo Taugenichts auf der Spitze ein altes Schloss erkennt. Nun sind sie endlich angekommen. Er folgt einer hässlichen alten Frau ins Schloss hinein.
Dort führt sie ihn in ein schönes herrschaftliches Zimmer, wo mitten im Raum ein gedeckter Tisch steht. Es kommt ihm alles sehr seltsam vor!
Am Morgen packt er seine Geige und sucht den Weg in den Garten. Dort sieht er, dass einfach alles unordentlich und verfallen ist. Als er so umherläuft sieht er auf der Terrasse unter sich einen blassen Jüngling, der, wie sich später herausstellt auf dem Schloss seine Studienferien verbringt und der Junge von der hässlichen Frau ist. Alle kommen herbei als der Taugenichts mitten im Garten auf seiner Geige spielt. Mit der Zeit findet er dieses gute Leben auf dem Schloss melancholisch, denn er sehnt sich danach, einmal wieder etwas zu erleben. Eines Tages hört er von der Ferne ein Posthorn. So geht er und schaut nach und tatsächlich, die Postkutsche ist da! Sogar etwas für den Taugenichts ist angekommen - ein kleiner weisser Briefumschlag - von seiner schönen gnädigen Frau - " Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Ich benutze heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie zurück. Es ist so öde hier und ich kann kaum mehr leben, seid Sie von uns fort sind. Aurelie!" Nun weiss er endlich, dass sie ihn liebt.
An diesem Abend beschliesst er auch weiter zu gehen, was der alten Frau gar nicht gefallen hat. In der Nacht geht er aufgeregt in seinem Zimmer auf und ab und da hört er die zwei alten Leute leise im Garten reden. Er sah wie der Schlossverwalter ein Messer in der Hand trägt. Dem Taugenichts ist ganz komisch zumute. Plötzlich hört er Schritte vom Flur auf seine Türe zukommen. Aus Hast und überstürzender Angst rennt er einen Stuhl in seinem Zimmer um, dass es ein entsetzliches Gepolter gibt. Etwas später hört er, wie sich langsam ein Schlüssel in seinem Türschloss dreht. Nun ist er in seinem Zimmer eingesperrt. Da hört er auf einmal wieder die Nachtmusik unter seinem Fenster und ein leises Rufen. Er nimmt seine Geige und klettert aus dem Fenster. Es ist der Jüngling, der ihn aus dem Garten hinaus hilft ins Freie zu kommen.
Endlich frei und so zieht er weiter in Richtung Rom! Er ist eilig Tag und Nacht fortgegangen und endlich leuchtet von Fern das Meer, der Himmel blitzt und funkelt. In Rom trifft er einen Maler, als er gerade auf der Suche nach Aurelie ist. Der Maler berichtet, dass eine Gräfin aus Deutschland, die in Rom war, in allen Winkeln nach zwei Malern und einem Musikanten suchte. Auf einem Fest des jungen Malers erhält er eine weitere Nachricht von einer Kammerfrau. "Elf Uhr an der kleinen Türe". Der Taugenichts schleicht sich dann einfach vom Feste davon zu seiner Abmachung. Als er so wartet bis es 11.00 Uhr ist, entdeckt er auf einmal den Maler im weissen Mantel, der zieht einen Schlüssel hervor und schliesst das Tor zum Garten auf und verschwindet darin. Der Taugenichts schmort vor Zorn, was der denn hier will? Er denkt sich, dass dieser Kerl die gnädige Frau beschleichen will, so stürzt er sich über die Mauer in den Garten hinein. Er bricht einen Ast vom Baum ab, rennt auf die weisse Gestalt zu und schreit aus vollem Halse. Der Maler rennt davon der Taugenichts nach, stolpert und fällt zu Boden. Die weisse Gestalt kommt auf ihn zu, und da sieht der Taugenichts, dass es überhaupt nicht der Maler ist, sondern die Kammerfrau. Die gnädige Frau kommt aufgescheucht aus ihrem Gemach. Der Taugenichts sieht sie an und bemerkt auch gleich, dass es nicht seine Gräfin ist! Er erfährt, dass seine Gräfin wieder nach Deutschland gegangen ist. Noch in der gleichen Nacht wandert er nach Deutschland, seinem Herzen nach.
Auf dem Weg dorthin trifft er drei Musikanten in langen blauen Mänteln. Er erfährt auch, dass der eine Musikant das Schloss in Deutschland kennt und sogar den Portier, welcher anscheinend sein Vetter ist. So führt ihr Weg zum gleichen Ziel.
Als sie am Ufer der Donau ankommen, ist schon alles zur Abfahrt bereit. Auf dem Schiff treffen sie eine Kammerjungfer und ein Geistlicher, mit denen sie sich unterhalten. Der geistliche Herr erzählt, dass es dort bald eine Hochzeit gibt und, dass es sich dabei um eine alte, heimliche Liebe handelt. Da, endlich, von fern sah er sein Zollhäuschen und auch das Schloss. Als das Schiff am Ufer angekommen ist, rennt Taugenichts zum herrschaftlichen Garten, wo er die schöne gnädige Frau in einem prächtigen Kleid und einem Kranz aus weissen und roten Rosen antrifft. Alle sind da Herr Guido und Herr Leonhard. Als sie ihn erblickt, klatscht sie dreimal in die Hände. Sogleich kommen weiss gekleidete kleine Mädchen aus dem Gebüsch hervor, bilden einen Kreis um ihn und singen das Lied vom Jungferkranz. Der Taugenichts weiss gar nicht so recht, was das alles soll, und steht ganz verblüfft da. Da geht der Herr Leonhard auf ihn zu und sagt, es sind noch viele Missverständnisse aufzuklären. Inzwischen hat Taugenichts schon bemerkt, dass der Guido eine jungen Frau ist. Sie hat sich verkleidet, um einem Missverständnis aus dem Wege zu gehen und wollte so als Maler Guido flüchten. Der Leonhard wollte sie zum alten Schloss bringen bis die ganze Sache vergessen war. Unterwegs, als der Taugenichts schon bei ihnen war, kam man ihnen auf die Spur. In dem Wirtshaus, vor dem der Taugenichts Wache hielt, erblickte Flora (Guido) plötzlich ihre Verfolger - der bucklige alte Mann! Deswegen flohen sie ohne den Taugenichts in die Wälder, und liessen ihn alleine fortfahren. Das täuschte die Verfolger und so verfolgten sie nun den Taugenichts. Auch auf dem Schlosse verwechselte man den Taugenichts mit der verkleideten Flora. Der Liebesbrief, den er dort erhielt, war eigentlich auch nicht für ihn, sondern für sie bestimmt. So war nun alles geklärt und die Feier konnte losgehen.
Die schöne gnädige Frau flieht vor diesem ganzen Rummel in den Garten. Taugenichts folgt ihr und so flüchten sie zusammen an einem ruhigen Ort im Schlossgarten. Als sie endlich alleine sind, umarmt er sie herzlich fest. Dann zeigt sie ihm in der Ferne ein Schlösschen. Das hat ihnen der junge Graf geschenkt, denn er ist ihm sehr dankbar, weil wenn er nicht dabei gewesen wäre, wäre er und Flora nicht entkommen. "Mein Gott, schönste, gnädige Gräfin!" Da erwidert die schöne Frau verwundert, dass sie überhaupt keine Gräfin ist! Der Portier ist ihr onkel welcher sie als kleines Kind und arme Waise aufs Schloss mitgenommen hat. - Dem Taugenichts viel ein Stein vom Herzen! -
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
Joseph von Eichdorff
Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff wurde am 10. März 1788 auf Schloß Lubowitz bei Ratibor im polnisch-mährischen Grenzgebiet Oberschlesiens geboren. Die Eichendorffs gehörten zum kleinen Landadel.
Joseph von Eichendorff wuchs zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm und der sechzehn Jahre jüngeren Schwester Luise Antonie
in relativer Freizügigkeit auf. Der Vater, der Güter bis
nach Mähren hinein besessen hatte, war allerdings, ganz im Gegensatz zum Idealbild, alles andere als ein »guter Ökonom«; bereits 1801 geriet das Gut in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die von Jahr zu Jahr, trotz aller Anstrengungen, zunahmen. Der Tod der Mutter 1822 der Vater war bereits 1818 gestorben markierte schliesslich den endgültigen Verlust aller Güter in Schlesien.
Ab 1801 besuchte das Brüderpaar insgesamt drei Jahre lang das katholische Gymnasium in Breslau, anschließend verbrachten sie ein weiteres Jahr als Hospitanten an der Universität. Das Jurastudium nahmen sie im Frühjahr 1805 in Halle auf, 1807 dann Heidelberg. Hier besuchte Eichendorff das Kolleg von Joseph Görres, er lernte Loeben kennen und den Umkreis der beiden wichtigsten Vertreter der Heidelberger Romantik, Clemens Brentano und Achim von Arnim.
1808 beendeten die Brüder das Studium, ohne Abschluß, wie es für Adelige zu dieser Zeit üblich war. Nach einer kurzen Bildungsreise nach Paris und Wien trafen sie bereits im Sommer wieder in Lubowitz ein, wo sie den Vater als »Ökonomen« unterstützten. Bald wurde klar, daß das Gut die Brüder nicht ernähren konnte sie mußten sich nach einem Brotberuf umsehen. 1810 reisten sie daher nach Wien, um sich auf das Referendarexamen vorzubereiten, das sie 1812 ablegten.
Die Lebenswege der Brüder trennten sich nun. Wilhelm beschritt die Verwaltungslaufbahn in Österreich, Joseph tauchte von 1813 bis Anfang 1816 in den Befreiungskriegen unter.
Dazwischen, 1815, lag seine Heirat mit Luise von Larisch, sehr zum Unwillen der Mutter, die sich eine bessere Partie für den Sohn und für das Gut erhofft hatte.
Für Eichendorff begannen Jahre der schlecht bezahlten Beamtentätigkeit im preußischen Staat, die kaum hinreichte, die schnell wachsende Familie zu ernähren: bis 1820 war er Referendar in Breslau, dann von 1820 bis 1823 Regierungsrat in Danzig, von 1824 bis 1830 Regierungsrat und Oberpräsidialrat in Königsberg, schließlich bis 1844, als er aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt wurde war er am Kultusministerium in Berlin tätig. In dieser Zeit entstanden die meisten der Erzählungen: 1819 Das Marmorbild, 1826 Aus dem Leben eines Taugenichts, 1832 Viel Lärmen um nichts, 1834 Auch ich war in Arkadien sowie Dichter und ihre Gesellen, 1835/36 Eine Meerfahrt, 1837 Das Schloß Dürande im selben Jahr auch die erste Gesamtausgabe der Gedichte, 1841 Die Glücksritter, 1849 schließlich Libertas und ihre Freier.
Eichendorff lebte in all den Jahrzehnten seiner Beamtentätigkeit bis zu seinem Tod zurückgezogen im Kreis der Familie, unscheinbar, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Ein gütiger, bescheidener, warmherziger Mensch.
1855 zog er zu seiner Tochter nach Neisse in Oberschlesien, bald darauf starb seine Frau für ihn ein erster Wink des Schicksals.
Am 26. November 1857 starb Joseph von Eichendorff im Alter von 69 Jahren, hinweggerafft von einer kleinen Erkältung.
Romantik
(1790 - 1830)
Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloss, alle getrennten Gattungen der Poesie zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegenem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfasst alles, was nur poetisch ist, vom grössten, wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuss, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang.
Von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel in ihrer Zeitschrift Athenaeum (17981800) sowie in ihren Vorlesungen über schöne Kunst und Literatur (18021805) theoretisch begründet, sah die Romantik in der Poesie mehr als blosse Dichtkunst: Poesie bedeutete Bewusstseinserweiterung, Überwindung aller Grenzen, Versöhnung von Mensch und Natur. Als Gegenbewegung zur rationalistischen Spätaufklärung und im Kontrast zur formalen Strenge der Klassik steigerten die Romantiker, durchaus in der Tradition von Empfindsamkeit und Sturm und Drang, das schöpferische Ich ins Universale. Ihm war es durch die Macht der Phantasie gegeben, Gegensätze zu vereinen, Traum und Wirklichkeit miteinander zu verschmelzen und die empirische Realität in einer höheren Wirklichkeit aufgehen zu lassen.
Doch ging es den Romantikern nicht darum, durch Literatur eine Welt der Illusion entstehen zu lassen, sondern um eine ganzheitliche Poetisierung des Lebens, die in den Biographien vieler Vertreter der Romantik in Briefen und Handlungen ihren Ausdruck fand.
Diesem Selbstverständnis entspricht die Form der literarischen Werke, die keine Geschlossenheit und Vollkommenheit wollen: sie sind offen, bruchstückhaft, uneinheitlich. Vorbilder sind, neben Goethe mit seinem Wilhelm Meister, Shakespeare und Cervantes, weil in ihrer Dichtung ein organischer, chaotischer Kosmos enthalten ist, der als Verwirklichung der Einheit von Literatur und Leben verstanden wurde. Nicht nur Novalis' Roman blieb Fragment; das Unabgeschlossene, Sprunghafte gehörte zum Programm. Eine lose, völlig freie Aneinanderreihung von Briefen, Reflexionen, Märchen und Allegorien bildet z. B. Friedrich Schlegels Roman Lucinde (1799), der bei seinem Erscheinen für einen handfesten Skandal sorgte, da er sich über die moralischen Vorstellungen seiner Zeit kühn hinwegsetzte.
Vor allem die frühe Romantik hatte eine sehr progressive Auffassung von der Rolle der Geschlechter und der Form partnerschaftlicher Beziehungen. Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Literatur traten Frauen nicht mehr als zufällige Einzelerscheinungen, sondern als gleichberechtigte, teils sogar zentrale Gestalten des literarischen Lebens ins Rampenlicht.
Gerade von der Aufklärung als 'dunkel' herabgewürdigt, wurde diese Epoche nun zum untergegangenen Zeitalter der noch bestehenden Harmonie verklärt. Dabei ging es kaum um das historisch belegbare Bild des Mittelalters, das vielen Romantikern weitgehend unbekannt blieb, sondern um eine idealisierte, aus der Betrachtung gotischer Bauten und der Lektüre der Minnesänger geahnte, letztlich zeitlose Ära, deren Verlust in der Gegenwart, die man als schnöde und vom Philistertum beherrscht erlebte, beklagt und deren Wiederkehr mit Hilfe der Poesie ersehnt wurde.
Dieses ganz aus einem poetischen Geist geborene Verständnis des Mittelalters, das die Frühromantik (wegen ihres Hauptwirkungsortes auch Jenaer Romantik genannt) prägte, wandelte sich in der zweiten Phase, der sogenannte Hoch- oder Heidelberger Romantik. Nun wurde nach greifbaren Dokumenten der Vergangenheit gesucht, das Historische gewann an Bedeutung, und besonders die Volksdichtung, in der das verloren gegangene Urwissen um die Einheit aller Dinge vermutet wurde, rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Aus dieser Haltung heraus, die auf wissenschaftlichem Gebiet die Begründung der Geschichtswissenschaft und der Philologie in unserem heutigen Sinn zur Folge hatte, wurden Volkslieder, Volksmärchen und Volkssagen zusammengetragen: die berühmtesten Sammlungen sind Achim von Arnims und Clemens Brentanos Des Knaben Wunderhorn, alte deutsche Lieder (18061808) und die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm (18121814).
Das Märchen wurde zu einer der wichtigsten Gattungen der Romantik: neben die aus der mündlichen Überlieferung gewonnenen und mehr oder weniger bearbeiteten traten nach traditionellen oder exotischen Motiven erdichtete Märchen oder märchenhafte Erzählungen. Vor allem Wilhelm Hauff hinterliess mit seinem dreiteiligen Märchenalmanach Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der auch wichtige musikkritische Schriften hinterliess und dessen Kompositionen es verdienten, grössere Beachtung im Konzertbetrieb zu finden, war eine der beiden herausragenden Gestalten der Spätromantik. Sein erzählerisches Werk konzentrierte sich auf das Phantastische und auf das Unerklärliche, Verborgene, Bedrohliche gewissermassen als Fortsetzung der urromantischen Faszination für die Nacht, die ein allgemeines Interesse an paranormalen Phänomenen wie Magnetismus und Mesmerismus erregt hatte.
Ähnliches lässt sich bezüglich der Lyrik Joseph von Eichendorffs sagen. Ohne die Bedeutung seiner Romane (u. a. Ahnung und Gegenwart, 1815) und Erzählungen (allen voran Aus dem Leben eines Taugenichts, 1826) zu verleugnen, sind es seine Gedichte, die dem zweiten grossen Spätromantiker eine hervorragende Position im Kontext seiner Epoche, aber auch der gesamten deutschen Literatur eingetragen haben.
So ging die deutsche Romantik nicht, wie im übrigen Europa, aufgrund ihres inhärenten Protestpotentials in einen sozialkritisch eingestellten Realismus über, sondern hörte mehr oder weniger auf zu sein. Aus dieser Entwicklungslinie erklärt sich auch die 'Zweiteilung' der Folgezeit, in der klassischen und romantischen Position verwirklichte, während die revolutionären Ansätze in radikalisierter, vorwiegend unpoetischer Version im literarischen Vormärz wieder zum Ausdruck kamen.
Interpretation
Eichendorffs Erzählung "Aus dem Leben eines Taugenichts" verrät besonders wie sehr sich Märchenhaftes der Realität angleichen kann. Der bewusst naive Ton der Novelle, in die Eichendorff einige seiner schönsten Gedichte eingestreut hat, sucht sich dem des Märchens anzunähern.
Nirgendwo stört hier das Bewusstsein einer sozialen bedrängten Welt die Freiheit eines dem Romanhaften sich nähernden Stiles, der uns ohne Gewalt dazu bringt die Wirklichkeit märchenhaft zu sehen und zu erleben. Märchenhaft sind auch die glücklichen Fügungen, die das Schicksal des Taugenichts bestimmen, der schliesslich nicht nur seine "schöne gnädige Frau", sondern auch "ein weisses Schlösschen" mit Garten erhält, und märchenhaft sind auch die Landschaften mit ihren Schlössern, Gärten und Wäldern. Die Stadt Rom erscheint im "hellen Mondenschein, als ständen wirklich die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber". Rom ist nicht nur das Ziel der romantischen Sehnsüchte, sonder auch die Stadt, in der ein vorchristlich-heidnisches Erbe noch lebendig ist. Der Taugenichts aber widersteht der Gefahr, die wie häufig bei Eichendorff in der Figur der sexuellen Verführung erscheint, durch seinen kindlichen Glauben, obgleich der Taugenichts gerade der bürgerlichen Lebensweise völlig gegenteilig ist. Er hasst nichts mehr, als ein Leben das sicher und normal ist. Der Gefahr, selbst so einem normalen oder einem faulen Leben zu erliegen, entgeht der Taugenichts zuletzt durch die Liebe, die in romanischer, fast kitschiger Form gezeichnet wird.
Insofern kann "Aus dem Leben eines Taugenichts" als repräsentatives Werk der Romantik angesehen werden – der Romantik als einer der großen Bewegungen gegen die zunehmende Rationalisierung, Funktionalisierung und Entzauberung der Welt. Hier erweist sich die Realität als doppelbödig: das Phantastische verbirgt sich hinter den Erscheinungen, die dämonischen Seiten der Liebe und der Kunst treten geheimnisvoll ins Leben; Wirklichkeit, Traum, Halluzination und Übernatürliches vermischen sich zu einem unentwirrbaren, weil zusammengehörigen Ganzen. Die schliessliche Ernüchterung erfolgt nur auf der Oberfläche der Erzählstruktur; die vorangegangenen Erfahrungen Florios in einer Sphäre des Dämonischen behalten ihre Wirkung.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann in keiner Wirklichkeit angesiedelt werden. Der Ort dieser Erzählung ist Nirgendwo. Daher die Sicherheit, mit welcher der Taugenichts sich in der Welt zurechtfindet die Heiterkeit, der Zauber seines Wandelns, daher aber auch seine Unangreifbarkeit gegenüber den Manipulationen der Gesellschaft und deren phantasietötende Folgen und ungeheure Ausbreitung Eichendorffs mit erschreckender Deutlichkeit voraussah.
Der Taugenichts
Sein Charakter oder seine Bedürfnisse schwanken zwischen dem Nichtstun und dem Vagabundenleben. Von der Müllerfamilie ist er der jüngste Sohn, von dem niemand etwas erwartet. Als er in die Welt hinaus geht, folgt er nicht Vaters Wort vom Broterwerb, sondern erklärt, er gehe sein Glück zu machen.
Fleiß und Effektivität sind dem Taugenichts völlig fremd. Selbst das schöne Leben im Garten hat einen Makel, dass er nämlich »leider ziemlich viel zu tun« hat. Seine Abneigung gegen das Arbeitsame drückt sich in seiner Schlaf-Sucht aus: keine Reise, keine Fahrt in der Kutsche, kein Aufenthalt in einem Garten, ohne dass er dem Schlaf verfällt.
Er steht ausserhalb der Gesetzmässigkeiten zweckrationalen Handelns, und insofern sind die von ihm ausgehenden Impulse keine konturierten, planmässigen Aktionen und Absichten. Wenn er handelt und spricht, ist es zuallererst durch seine Geige: auch dies ist eine Sprache vor der Sprache, ein Ausdrucksmittel, das unmittelbarer, ursprünglicher und der rationalen Kontrolle nicht unterworfen ist.
Der Taugenichts selber, ist ein Träumer, so naiv, ja fast kindhaft. Er glaubt nur an das Gute und Schöne. Es ist eine Märchenfigur, wie es in der Realität keine gibt.
Der Name wird gar nie erwähnt. Warum? Ich denke er wird nicht erwähnt, weil jeder, der diese Geschichte liest sich darin selber finden muss. Nicht objektiv, sonder rein subjektiv.
Die Aurelie
Sie ist die vergötterte des Taugenichts, und über sie erfährt man in der Geschichte nicht gerade viel. Am Schluss sagt sie jedoch, dass sie eine Waise ist, und der Pförtner ihr onkel. Sie selbst, scheint mir, ist genau so naiv, wie der Taugenichts. Sie leben nicht auf dieser Welt, sonder in einem schönen Traum.
Persönlich gesehen
Die Geschichte hat mich sehr angesprochen. Vor allem, dass der Roman in der Ich-Erzählung geschrieben war, so dass man mit den Augen des Taugenichts alles sehen und erleben konnte. Sicher ist alles so schön und friedlich, so ganz das Gegenteil der Realität. Es geht mehr darum, dass jeder kleine Traum in Erfüllung gehen kann, wenn man den Glauben und die Hoffnung nie aufgeben wird.
Vielleicht will der Schreiber die Leser zum Träumen bringen, ihnen in einer kalten Welt etwas Wärme und Liebe vermitteln. Ich denke wohl, dass das der Traum Eichendorffs von wahrer Liebe war. Eine Flucht in eine schönere Welt!